SCHLACHT BEI MARIGIANO

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Die Schlacht bei Marignano ist eine sehr prägende für die Schweizerische Unabhängigkeit.

Wer über die Vergangenheit spricht, meint oft auch die Gegenwart und die Zukunft. Dies zeigt das Jahr 2015 eindrücklich. Der Reigen an Zentenarfeiern hat hierzulande so hitzige Debatten über die «richtige» Deutung der Geschichte provoziert wie nie mehr seit den Kontroversen um die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Das Landesmuseum in Zürich widmet nun der berühmten Schlacht bei Marignano von 1515 eine opulente Schau und nutzt damit geschickt die derzeitige Aufmerksamkeitswelle. Das zweitägige Gemetzel, das geschätzt zehntausend Eidgenossen das Leben kostete, ist zentraler Baustein der Nationalsaga, ein Erinnerungsort wie das Rütli, Morgarten oder der Gotthard. Doch weshalb eigentlich?

Historismus

Konservativen Kreisen gilt die verheerende Niederlage in Oberitalien als zentraler Wendepunkt der Schweizer Geschichte. Marignano markiere das Ende der eidgenössischen Grossmachtphantasien und sei der Nukleus unserer Neutralität, heisst es. Die Forschung spricht dagegen von einem Mythos, der erst seit dem 19. Jahrhundert seine Wirkung entfaltet habe. Im gedämpften Licht des Ausstellungspavillons im Innenhof des Landesmuseum finden sich von diesem Deutungsstreit jedoch kaum Spuren. Mythos oder Wahrheit? – Für das wichtigste historische Museum des Landes offenbar keine Frage von Relevanz. Vielmehr wird das Hohelied des Historismus gesungen: Es gilt möglichst wertfrei zu zeigen, «wie es eigentlich gewesen» sei – Ranke reloaded.

Dieser Ansatz hat durchaus seinen Reiz. Die Ausstellung, für die Erika Hebeisen als Kuratorin verantwortlich zeichnet, ordnet das Schlachtgeschehen überzeugend und lehrreich in seinen zeitgenössischen Kontext ein. Die museal inszenierte Geschichte von Marignano handelt nicht nur vom Kriegshandwerk und vom Wesen der alten Eidgenossenschaft, sondern auch von europäischer Machtpolitik und Diplomatie. Gleich zu Beginn des Parcours wird klargemacht, was die Tausende von Schweizer Reisläufern südlich der Alpen überhaupt suchen. Um 1500 ringen in den sogenannten Mailänder-Kriegen Frankreich, Habsburg, Venedig, der Papst und die Eidgenossenschaft in wechselnden Koalitionen um die Vorherrschaft in der Lombardei. Mailand, das Zentrum des Herzogtums, ist eine Wirtschaftsmetropole mit hunderttausend Einwohnern. Ihre wertvollen Seidenstoffe und Rüstungen sind weitum begehrt; die Machthaber der Sforza zelebrieren das höfische Leben mit rauschenden Festen.

In diesem Poker um Mailand sind die Eidgenossen höchst gefragt. Selbst Machiavelli ist des Lobes voll: «Bestialisch, siegreich und übermütig» seien die Krieger aus den Dreizehn Orten. Durch die Gelder fremder Herren reich geworden und von Schlachterfolgen verwöhnt, agieren sie zunehmend als eigenständige Kriegsmacht und etablieren ihre Herrschaft südlich der Alpen. Die Eidgenossen schicken Landvögte ins heutige Tessin und erhalten, nachdem sie in einer Allianz mit Kaiser und Papst 1512 die Franzosen aus Mailand vertrieben haben, das Herzogtum als Protektorat. Die Ausstellung dokumentiert diesen rasanten Aufstieg der Eidgenossen zur Militärmacht mit einer Vielzahl prächtiger Exponate, Schautafeln sowie Videos über Personen und Ereignisse im Stil der «Tagesschau».

Die fragile Organisationsstruktur der Eidgenossenschaft wird ebenso erläutert wie die Finanzierung des Söldnerwesens über Verträge und Pensionen oder die Bekleidung und Bewaffnung der Truppen. Die Kriegsschauplätze in der Lombardei erreichen die Krieger erst nach wochenlangen Fussmärschen über die Alpenpässe. Gekämpft wird jeweils nur kurz. Die Zeit in den Feldlagern vertreiben sich die rohen Gesellen mit Karten- und Würfelspielen sowie Trinkgelagen. Sinnbildlich für das Selbstverständnis der Eidgenossen: In ihren Jasskarten wird erstmals der Bauer zum «Trumpf».

Mit dem Einfall der Franzosen unter dem Mailänder Feldherrn Gian Giacomo Trivulzio Anfang September 1515 naht jedoch das Ende der eidgenössischen Siegesserie. Am 13. September treffen die beiden Parteien bei Marignano aufeinander, insgesamt siebzigtausend Kämpfer. Für Trivulzio ist es später «nicht eine Schlacht von Menschen gewesen, sondern von Giganten». Die Eidgenossen kämpfen auf offenem Feld mit ihren Langspiessen und Halbarten gegen die hochgerüstete französische Artillerie. Bis in die Nacht bleibt die Schlacht ausgeglichen, doch am darauffolgenden Tag werden die Schweizer «Schlachthaufen» aufgerieben, und zwar vernichtend. Es zeigt sich, dass die Eidgenossen der Sprengkraft der Franzosen nichts entgegenzusetzen haben. Die verweigerte waffentechnische Modernisierung hat sie zu Fall gebracht. Die Sieger kennen kein Erbarmen, erbeuten alles Wertvolle und schneiden den Gefallenen auch noch das Bauchfett aus dem Leib. Die Schrecken des Krieges sind besonders in den düsteren Federzeichnungen des Augenzeugen und Söldners Urs Graf fassbar.

Der junge französische König Franz I. lässt sich als «erster Besieger der Helvetier seit Julius Cäsar» feiern. Die Eidgenossenschaft kann mit ihm aber bereits 1516 einen profitablen Frieden schliessen. Der König sichert sich damit auch künftig Söldner, gewährt dafür grosszügige Kriegsentschädigungen und Pensionen. 1521 kommt es zu einer lukrativen Soldallianz, die wegen der Kritik der Reformierten an der Reisläuferei zu innereidgenössischen Spannungen führt. Gegen die gesellschaftlichen Auswüchse des Soldwesens kämpft insbesondere der Reformator Huldrych Zwingli, der die Glarner Truppen als Feldprediger nach Marignano begleitet hat. Doch die fremden Dienste sind für viele zu lukrativ. So wird der Vertrag immer wieder erneuert, und einige eidgenössische Orte bleiben damit fast dreihundert Jahre Juniorpartner Frankreichs. Von Neutralität im heutigen Sinn kann folglich keine Rede sein, auch wenn die Eidgenossenschaft als Ganzes seit 1515 keine Kriege mehr führt. Die im politischen Diskurs bis heute wirkmächtige Kurzformel «Neutral seit Marignano» wird in der Ausstellung bewusst nicht kritisch eingeordnet. Erwähnt wird zumindest, dass sich die Eidgenossenschaft 1674 erstmals als «Neutral Standt» bezeichnet und dass am Wiener Kongress von 1815 der Schweiz die immerwährende Neutralität verordnet wird. Doch besteht hier eine vom Schlachtfeld Marignanos ausgehende Kontinuitätslinie, wie die Schau impliziert?

Erinnerungskultur

Im «Epilog» werden wenigstens einige zentrale Aspekte der Erinnerungskultur angedeutet. Dass der Zürcher Staatsarchivar Paul Schweizer die Neutralität nicht mehr im Wiener Kongress, sondern im viel älteren Frieden von Marignano verortete, als das Ausland um 1890 die Souveränität der Schweiz infrage stellte, wird beiläufig gezeigt. Erst mit Schweizers historischen Abhandlungen rückte jedoch die Schlacht bei Marignano, die über Jahrhunderte nur noch wenig bekannt gewesen war, ins kollektive Gedächtnis. Von diesem Wandel zeugen auch die Marignano-Fresken, die Ferdinand Hodler wenige Jahre später in der Waffenhalle des Landesmuseums malte. Ein Entwurf ist auch in der Schau zu sehen. Doch darüber, dass Hodler mit seinem blutigen Monumentalbild einen dreijährigen Kunststreit entfachte, seine Darstellung in der Bevölkerung aber bald populär und während der geistigen Landesverteidigung zur glänzenden Ikone wurde, erfährt man nur wenig.

Gar keine Erwähnung findet sodann, dass 1965 eine konservative Gruppierung die Stiftung «Pro Marignano» gründete und das 450-Jahr-Jubiläum zum Anlass nahm, um beim mutmasslichen Schlachtfeld ein Denkmal mit dem Sinnspruch «ex clade salus» – «Aus der Niederlage das Heil» – sowie ein Gebeinhaus zu errichten. Solche Beispiele sind wichtig für die Beantwortung der Frage, weshalb Marignano noch heute die Gemüter bewegt. Historische Ereignisse haben nicht nur eine Faktizität in der Vergangenheit. Sie leben in den Vorstellungswelten der Nachgeborenen fort und werden mitunter Teil der Geschichtspolitik. Ein Hinweis darauf wäre zwingend gewesen – Historismus hin oder her. Aus der NZZ kopiert.

Ein paar Schnappschüsse aus der Ausstellung im Landesmuseum Mai 2015